Geschichten
Metaphern und Geschichten als Tor zur Phantasie und inneren Heilung.
In der Positiven und Transkulturellen Psychotherapie nutzen wir orientalische Geschichten als Spiegel, in welchen wir uns selbst erkennen können. Sie öffnen uns das Tor zur Phantasie und bieten neue Perspektiven.
(Abu Zaid al-Sarugi, transkultureller Berater in Nordsyrien vor 900 Jahren, vermittelt in einem Streit mit einem Fremden wegen eines Kamels.)
Der Ziegelwerfer
Eine orientalische Geschichte über Depression, Neid, Stress und Burnout.
In Aria, dem Altpersien, wollte ein Höfling sehen, welche Fortschritte der Bau des neuen Palastes machte. Er erblickte die Arbeiter und Handwerker, die sich eifrig mühten. Mit Erstaunen fiel sein Blick auf die Handlanger, die den Maurern die getrockneten Lehmziegel, Khescht genannt, über drei Stockwerke hoch zuwarfen.
Einer der Handlanger übertraf alle seine Kameraden. Während bei diesen mancher Lehmziegel den Maurer gar nicht erreichte, sondern nach kurzem Flug auf dem Boden zersprang, warf dieser Handlanger seine Ziegel mit unglaublicher Kraft und Sicherheit höher als alle anderen.
Eine Zeitlang schaute der Höfling verwundert zu. Schließlich sprach er den Handlanger an: „Guter Freund, du leistest ganz Außergewöhnliches. Du wirfst den Stein höher als alle deine Kameraden, und dein Wurf übertrifft alle an Sicherheit. Wie kommt es, dass du das kannst?“
Der Arbeiter antwortete: „Hoher Herr! Ich bin innerlich glücklich. Die Quelle meiner Kraft ist die Harmonie, in der ich mit meiner Frau zusammenlebe. Ihr gutes Wort begleitet mich am Morgen zur Arbeit und empfängt mich am Abend wieder zu Hause. Sie ist für mich da und ich für sie.“
Den Höfling überfiel Neid bei dieser Schilderung. Ohne ein Wort verliess er die Baustelle und begab sich zur Siedlung der Arbeiter, wo er nach der Frau des Handlangers fragte. Er traf eine junge Frau höflichen Wesens und guter Gestalt, deren Formen ihn durch den Schleier der Kleidung faszinierten. „Du liebst deinen Mann“, sagte er ohne Gruss. Sie schlug die Augen nieder und antwortete: „Ja, mein Herr! Ein spöttisches Lächeln überflog seine Lippen: „Du Freude meiner Augen. Dein Anblick ist Balsam für meine Seele. Sage mir doch, warum liebst du deinen Mann? Was findest du an ihm so gut? Er ist noch weniger als ein Arbeiter, ein Handlanger, ein Amalleh. Sein Körper ist braun gebrannt, und seine Hände sind rissig von der Schwere der Arbeit. Muss nicht eine Blume wie du in solch groben Händen welken? Verstört wandte sich die Frau ab, sprach leise „Gott sei mit dir“ und ging zurück ins Haus. Jedes Mal danach, wenn der Höfling den Bau besuchte, achtete er besonders auf den Handlanger.
Es dauerte nicht lange, da liessen die Würfe des Mannes nach. Öfter verfehlten seine Lehmziegel die fangbereiten Hände des Maurers. Der Handlanger wirkte krank und melancholisch und war auch nicht mehr in der Moschee zu sehen, die er früher regelmäßig zum Gebet besucht hatte.
Schließlich rief der Höfling. „He da! Für das, was du leistest, willst du auch noch Geld bekommen? Du zerschlägst mehr Ziegel, als deine Arbeit überhaupt wert ist. Warum arbeitest du nicht wie früher?“
„Eine Wolke verdunkelt mein häusliches Glück“, antwortete der Amalleh traurig. „Ich habe keine Freude mehr zu Hause. Meine Frau ist nicht mehr wie früher. Das Gebet gibt mir keinen Frieden mehr und den Menschen misstraue ich.“
[Peseschkian Nossrat: Psychosomatik und Positive Psychotherapie; S. 79]
Die 17 Kamele
Eine Geschichte über das Lösen scheinbar unlösbarer Probleme.
Ein Vater hatte angeordnet, dass die Hälfte seiner Hinterlassenschaft an den ältesten Sohn gehe, ein Drittel an den zweiten und ein Neuntel an den jüngsten. Die Erbmasse besteht aber aus 17 Kamelen, und wie die Söhne nach seinem Tod das Problem auch drehen und wenden, sie finden keine Lösung, ausser der Zerstückelung einiger Tiere.
Die Lösung: Ein Mullah, ein Wanderprediger, kommt dahergeritten, und sie fragen ihn um seinen Rat. Dieser sagt: "Hier - ich gebe mein Kamel zu den euren dazu; das macht 18.
Du, der älteste, bekommst die Hälfte, also 9.
Du, der zweitälteste, bekommst ein Drittel, das macht 6.
Auf Dich, den jüngsten fällt ein Neuntel, also 2 Kamele.
Das macht zusammen 17 Kamele und lässt eines übrig, nämlich meines." Sagt's, steigt auf und reitet davon.
„Wer alleine arbeitet, addiert,
wer gegen andere arbeitet, subtrahiert (sich selbst)
und wer zusammen arbeitet, multipliziert.“